Görlitz, schönste Stadt Deutschlands

Der Chef der Deutschen Stiftung Denkmalschutz nennt Görlitz die schönste Stadt Deutschlands. Warum, das erklärt Prof. Dr. Gottfried Kiesow am allerbesten selbst, in einem von Ihm verfassten Artikel in der Sächsischen Zeitung vom 22.07.2010:

Mit Optimismus zu einer neuen wirtschaftlichen Blüte

Görlitz nenne ich die schönste Stadt Deutschlands, weil sie ein geschlossenes erhaltenes historisches Gesamtkunstwerk darstellt, das qualitätsvolle Bauten aus vier Kunstepochen enthält: nämlich gotische Kirchen, Tortürme und Hallenhäuser, dann ab 1525 – als erste Stadt in Deutschland – Bürgerhäuser im Stile der direkt von Italien beinflussten Renaissance, schließlich die vom säschischen Barock inspirierten Neubauten, entstanden nach den Bränden von 1691, 1717 und 1726, sowie die eindrucksvolle Stadterweiterung des Historismus mit ihren einheitlich gestalteten Straßen und Platzanlagen.

Nun fragen mich natürlich die Stadtväter der anderen, mir besonders am Herzen liegenden Städte wie Dinkelsbühl, Quedlinburg, Wismar, Stralsund und Wiesbaden, warum sie nicht diese Auszeichnung verdienen.

Da pflege ich zu antworten, dass man sich dies wie bei einem Wettbewerb um Miss Germany vorstellen muss, wo sich die schönsten Frauen Deutschlands auf dem Laufsteg präsentieren, aber nur eine den Titel erhalten kann. Görlitz zeichnet sich dadurch aus, dass es hier keinerlei denkmalpflegerische Sünden durch Straßenverbreiterungen, störende Neubauten oder schreiende Reklame gibt.

Görlitz braucht diesen Titel aber auch vor allem deshalb, weil die Randlage der Stadt zu einer starken Abwanderung geführt hat, so dass der Leerstand von historischen Bauten hier besonders hoch ist und man alles tun muss, um Menschen in diese wunderschöne Stadt zu holen.

Einst war diese Position zwischen deutschen und slawischen Völkern ein Vorteil. Er wurde noch durch die günstige Lage am Übergang der berühmten Via Regia von Spanien nach Osteuropa über die Neiße gesteigert, an einer für den Handel offenen Grenze mit dem Privileg des Stapelrechts für den Waid: jener Pflanze, aus der allein man den kostbaren blauen Farbstoff für das Färben von Stoffen gewinnen konnte.

Der Wohlstand und die große Entfernung zum Landesherren in Prag erbrachten Vorrechte, die gleichrangig mit denen einer reichsfreien Stadt waren. Sie musste jedoch durch eine mächtige Stadtbefestigung geschützt werden, deren Türme denen von Frankfurt am Main an Monumentalität nicht nachstehen. So wurde die Stadt nie erobert, behielt auch nach den hohen Kontributionen als Folge des verlorenen Schmalkaldischen Krieges und durch den Niedergang des Handels nach dem Dreißigjährigen Krieg noch einen bescheidenen Wohlstand.

Dieser wuchs erneut beträchtlich, als Görlitz 1815 beim Wiener Kongress an Preußen fiel. Die Industrie blühte daraufhin auf, und gleichzeitig wurde die Stadt als „Pensionopolis“ attraktiv. Die Einwohnerzahl stieg von 10.000 im Jahr 1815 bis zum zweiten Weltkrieg auf 90.000. Dann kam die kritische Zeit von 1945 bis 1990 mit der Teilung durch die Oder-Neiße-Grenze und der Randlage an einer starr geschlossenen Grenze zum nunmehr polnischen Nachbarn. Dessen wirtschaftliche Schwäche ist das entscheidende Hindernis auch nach der Wiedervereinigung 1990 und dem Beitritt Polens zur Europäischen Union. Vor allem, solange in dem nun endlich ungehindert zugänglichen Polen noch nicht der Euro gilt. Ist dies erst der Fall, werden möglicherweise Bewohner vom polnischen Zgorzelec in das weitaus schönere Görlitz umsiedeln und den Leerstand an Wohnungen reduzieren.

Dazu tragen schon jetzt viele Rentner und Pensionäre aus ganz Deutschland bei, die die Tradition der „Pensionopolis“ wieder aufleben lassen. So kann die Stadt zu einer neuen wirtschaftlichen Blüte kommen, wozu aber Selbstvertrauen und Optimismus gehören. Beides wurde nach Jahren der Resignation durch den zweiten Platz nach Essen bei der äußerst knappen Entscheidung über die Europäische Kulturhauptstadt 2010 in den Bürgern und städtischen Gremien geweckt.

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat dank großzügiger Spenden wesentlich zur Instandsetzung der in der DDR heruntergekommenen Stadt beigetragen.“

Gottfried Kiesow

Sächsische Zeitung, Donnerstag, 22. Juli 2010

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