Görlitzer Skaryna-Bibel reist im Oktober nach Weißrussland

2003 wurde in Deutschland das Jahr der Bibel begangen. In diesem Zusammenhang hatte auch die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz eine kleine Präsentation mit Bibeldrucken aus ihrem Bestand vorbereitet. „Nachdem wir Lutherdrucke, eine Londoner Polyglottenbibel aus dem Jahr 1657 und ein Exemplar der 1759 in Moskau gedruckten Elisabeth-Bibel ausgewählt hatten, schauten wir intensiver in die alten, zum Teil aus dem 18. Jahrhundert stammenden handschriftlichen Kataloge.“, erinnert sich der Leiter der Einrichtung, Matthias Wenzel, und erzählt weiter: „Einer der Einträge darin lautete „Biblia Slavica, Prag 1517“. Neugierig geworden, nahmen wir den Band aus seinem Regal, fanden ihn attraktiv und thematisch passend, deshalb fügten wir ihn der Ausstellung hinzu.“

Nach Beendigung der Ausstellung wäre das Buch wohl wieder im Regal gelandet, wenn nicht der Görlitzer Theologe Peter Lobers, der einige Jahre als Dozent in St. Petersburg gearbeitet hatte und des alten Kirchenslawisch mächtig ist, diesen Band in der Vitrine gesehen hätte. Er gab den Hinweis auf den besonderen Wert dieses Druckes und vermittelte den Kontakt zu Professor Norbert Randow, dem Doyen unter den Übersetzern weißrussischer Literatur in Deutschland.  Die Entdeckung dieser kulturgeschichtlich wertvollen Bibelübersetzung des weißrussischen Humanisten Francysk Skaryna im Bestand der Milich´schen Bibliothek in Görlitz sowie deren Präsentation in Minsk und Sofia durch Professor Norbert Randow hatten dann 2005 international für einiges Aufsehen gesorgt.  Seitdem gab es mehrere Versuche auf diplomatischer und wissenschaftlicher Ebene, das kostbare Buch in Weißrussland zu zeigen.  Jetzt ist es der Deutschen Botschaft in Zusammenarbeit mit der Nationalbibliothek Minsk, dem Kulturhistorischen Nationalmuseum Neswish und der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften gelungen, die Präsentation im Rahmen der Deutschen Woche in Belarus zu organisieren. Vom 4. bis 10. Oktober 2012 wird die Skaryna-Bibel in der Nationalbibliothek in Minsk ausgestellt, vom 15. bis 24. Oktober ist sie im Kulturhistorischen Nationalmuseum Newish zu bestaunen. Bibliothekar Matthias Wenzel wird das Exemplar aus dem Görlitzer Bestand persönlich nach Minsk bringen, wo er während der Eröffnung einen einführenden Beitrag zur Geschichte des Bandes sowie zur Vorstellung der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften halten darf. „Es ist eine große Ehre für die Stadt Görlitz.“, freut sich Matthias Wenzel.

Bei der von Skaryna übersetzten und auch gedruckten Bibel handelt es sich um das erste überhaupt in einer ostslawischen Sprache gedruckte Buch. Die Bibel wurde 1517 bis 1519 in Prag gedruckt und umfasst 658 Blätter bzw. 1 316 Seiten. Von allen Drucken Skarynas sind bis heute insgesamt 258 Exemplare bekannt. Die in der Oberlausitzischen Bibliothek befindliche Bibel ist das einzige Exemplar in einer deutschen Bibliothek. Nicht nur die Person Skarynas sondern auch das gedruckte Buch selbst ist ein Beleg für den Transfer von Wissen und Ideen entlang der Ost- und Westeuropa verbindenden Handelsstraße „via regia“. Francysk Skaryna war der Übersetzer, Herausgeber und Drucker dieser Bibelübersetzung und gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten der weißrussischen Kultur. Skaryna hat in Krakau die Freien Künste und dann ergänzend Medizin studiert. 1512 bestand er sein Doktorexamen in Padua. In den Jahren danach hat er sich vermutlich in Venedig, Nürnberg und Augsburg die Kenntnisse des Buchdrucks angeeignet. 1517 begann er in Prag, die Bibel in die in seiner Heimat gängige Schriftsprache des Altweißrussischen zu übersetzen und zu drucken. Damit schuf er eines der ersten mit kyrillischen Lettern gedruckten Bücher

Das Görlitzer Exemplar von Skarynas Bibel besteht aus zwei Konvoluten, von denen das erste den Pentateuch enthält, der 1519 gedruckt wurde. Bereits ein Jahr zuvor waren das Buch Josua, die beiden Bücher der Könige, das Buch der Weisheit nebst dem Gebet des Manasse entstanden. Sämtlichen Büchern sind Vorworte und Nachbemerkungen von Skaryna selbst beigegeben, ein großes Vorwort führt in die ganze Bibel ein.

Wie es in den Bestand der Milich´schen Bibliothek gelangte, ist inzwischen auch bekannt: Handschriftliche Einträge früherer Eigentümer weisen den namhaften Breslauer Reformator Johannes Hess (1490 – 1547) als einen Vorbesitzer nach. Nach seinem Tod kam das Exemplar in den Besitz des Görlitzer Juristen Daniele Staude (1566 – 1616), der es 1615 der Bibliothek des Görlitzer Gymnasiums schenkte. Zuerst beschrieben wurde der Band 1737 von Christian Knauthe in seiner „Historischen Nachricht von denen Bibliotheken in Görlitz“: „Die erste Classe davon enthält die Theologischen Bücher nebst denen, welche ad Historiam ecclesiasticam gehören. … In gleichen die Bibel in Moskowitischer Sprache, ohne eine beygesetzte andere Übersetzung; mit Moskowitischen Literis gedruckt. Der Titel lautet Übersetzet: Biblia Russiaca explicata a Doctore Francisco Skorino e celebri urbe Plozki, in honorem Dei et universis hominibus ad meliorem informationem: Pragae in civitate veteri 1518. in 4. maj.“ Die „Moskowitischen“ (=kyrillischen) Lettern sind also durch Knauthe bereits gelesen und der Text ins Lateinische übersetzt worden.

 

Görlitzer OnlineShop Logo
 

Ihnen gefällt diese Seite? Zeigen Sie es Freunden: