Viel Zuspruch beim Schlesischen Nach(t)lesen – Pressestimme

sz-online – Montag, 14. März 2011

Viel Zuspruch beim Schlesischen Nach(t)lesen

Von Ines Eifler

Zum vierten Mal zogen am Sonnabend literarisch Interessierte von Ort zu Ort. Diesmal mehr als 2010. Es ist ein ungewöhnliches Bild für einen Görlitzer Abend: An manchen Geschäften und Kneipen der Altstadt stehen Leute Schlange, drücken die Nasen an die Fensterscheiben und warten, dass sich das Gedränge löst. Im Teehaus am Reichenbacher Turm ist das am Sonnabend gleich zu Beginn des Schlesischen Nach(t)lesens der Fall und wird sich in den nächsten Stunden auch nicht ändern. Hier liest alle halben Stunden der frühere Regionalbischof Hans-Wilhelm Pietz aus dem kürzlich erschienenen Briefwechsel zwischen James und Freya von Moltke. Die „Abschiedsbriefe“, die sich die Eheleute bis zu Moltkes Hinrichtung am 23. Januar 1945 schrieben, gehören zu dem Berührendsten, was an diesem Abend an den insgesamt 13 Orten zwischen Obermarkt und östlichem Neißeufer zu hören ist. Da Pietz auch sehr eindringlich von der Beziehung der Moltkes erzählt, reichen schon wenige Auszüge, um die innige Zuneigung und deren Tragik nachzuempfinden. Zweisprachig ist kaum nötig Auf ganz andere Art beeindrucken im Weinhaus Krüger der Regisseur Rene Harder und der neunjährige Dar Ronge. Die Wirkung ihrer Lesung liegt aber nicht im Text begründet – ein Hans von Schweinichen berichtet aus der Lebenswelt am Hofe der Herzöge von Liegnitz um 1600. Vielmehr ist es ein Vergnügen zu erleben, wie Erwachsener und Kind miteinander umgehen: wie der Junge sich von Harder mitreißen lässt und wie dieser dem Kind Halt gibt. Natürlich fehlt es in Harders Vortrag auch nicht an komischer Dramatik. An fünf Orten lesen zwei Leute, meist zweisprachig. Stefan Waldau, der in der Geigenbauerwerkstatt auf der Kränzelstraße aus E.T.A. Hoffmanns „Kater Murr“ liest, sagt aber gleich dazu, Hanna Majewska gebe „einen Eindruck“ davon, wie es auf Polnisch klingt. Denn nur sehr wenige Zgorzelecer sind zum Schlesischen Nach(t)lesen gekommen. Auch Kinga Hartmann-Woycicka, die Partnerin von Jutta Blin im Offkino am Klosterplatz, liest am Ende nur noch dann auf Polnisch, wenn es jemand wünscht. Die Polen, die da sind, amüsieren sich aber sehr über den Romanauszug, in dem ein Engländer in Breslau die polnische Mentalität kennenlernt. Zu den bestbesuchten Lesungen gehören die von Ex-Minister Thomas Jurk im Hallenhaus Untermarkt 3 und die von Elisabeth von Küster in der Kinderboutique auf der Weberstraße. Am wenigsten mögen die Besucher Texte aus dem 19. Jahrhundert. Maximilian Eiden, Kulturreferent für Schlesien, hat dieses vierte Nach(t)lesen gemeinsam mit i-vent organisiert. Er ist höchst zufrieden mit der guten Stimmung, mit den Vorlesern, die oft auch Zuhörerfragen beantworteten und über die Texte hinaus erzählten. Vor allem aber freut ihn, dass diesmal 250 Besucher, ein Viertel mehr als im Vorjahr, zu der Veranstaltung kamen. Für den 10. März 2012 plant er bereits das nächste Literaturfest dieser Art. „Wir haben schon viele Vorschläge für Orte und Leser“, sagt er. Außerdem möchte er jemanden aus Oberschlesien gewinnen. Und auch den früheren Minister Heinz Eggert, beliebter Leser in zwei Vorjahren, will er wieder ansprechen.

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