3. Schlesisches Nach(t)lesen

Görlitzer Lesenacht 2010
3. Schlesisches Nachtlesen

Bekannte Persönlichkeiten lesen an ungewöhnlichen Orten
27. März 2010, 19.00 Uhr – 23.00 Uhr

Galantes im Hotelzimmer, Knuspriges in der Bäckerei, Malerisches in der Galerie. Ungewöhnliche Orte laden Sie zu einem Literaturvergnügen der besonderen Art ein. In den Schwesterstädten Görlitz und Zgorzelec werden bekannte Persönlichkeiten Texte über Stadt und Region vortragen – von deutschen und polnischen, auswärtigen und einheimischen Autoren.
Sie können einen literarischen Spaziergang durch die Stadt unternehmen. Immer zur vollen und halben Stunde werden die Vorführungen, die jeweils 5-10 Minuten dauern, wiederholt.
Eintritt: 7,00 € / Vorverkauf 5,00 €, ermäßigt (nur an der Abendkasse): 5,00 €
Ermäßigung für Schüler, Studenten, Wehr- und Zivildienstleistende, Arbeitslose und Schwerbehinderte.

Vorverkauf : Schlesisches Museum zu Görlitz, Brüderstraße 8, 02826 Görlitz, 03581/8791-0; Touristbüro i-vent, Obermarkt 33, 02826 Görlitz, 03581/421362, info@i-vent-online.de

Gästehaus Flüsterbogen,
Untermarkt 22

Heinz Eggert,
Sächsischer Staatsminister des Innern a.D.

Ob der Schäfer und die Schäferin auch einen so reizvollen und verschwiegenen Ort für ihr Schäferstündchen aufgesucht haben? Zu Flüstern haben sie jedenfalls einiges – und das ist nicht jugendfrei. Die gelesenen galanten Gedichte aus dem schlesischen Barock stammen u.a. von Martin Opitz, Christian Hoffmann von Hoffmanswaldau und Benjamin Neukirch.

Gedichte dieser Autoren finden sich in vielen Sammlungen. Von Hof(f)mannswaldaus Gedichten gibt es eine preiswerte Auswahl im Buchhandel: Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Gedichte. Auswahl und Nachwort von Manfred Windfuhr. Reclam Verlag, Stuttgart 2002, ISBN: 3-15-008889-5, 152 S., ca. 4,- €

Der Schuhladen von Simone Süß,
Weberstraße 19

Prof. Dr. habil. oec. Gisela Thiele,
Dekanin der Hochschule Görlitz-Zittau

Mit 17 Jahren an einen der reichsten Männer im fernen Deutschland verheiratet, rebellierte Daisy Cornwallis-West gegen die streng preußische Etikette ihres Mannes, Hans Heinrich XV. Fürst von Pless, und seiner Eltern. Aber sie machte sein Schloss Fürstenstein/KsiÄż auch zum Treffpunkt des europäischen Hochadels. Kaiser Wilhelm II. war oft zu Gast. Daneben hat die Fürstin sich für soziale Fürsorge und Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung Schlesiens eingesetzt. Nach 1918 begann der Abstieg. Daisy von Pless wurde durch die Scheidung von ihrem Mann staatenlos und verstarb 1943 krank, vereinsamt und mittellos in Waldenburg/Wałbrzych.

Die Erinnerungen der Fürstin Pleß sind nur antiquarisch erhältlich. Leichter zu bekommen und informativ sind verschiedene Fassungen einer Biografie der Fürstin von John W. Koch: Daisy von Pless. Fürstliche Rebellin. Ullstein Verlag, Frankfurt (Main) 1990, ISBN: 3-550-07402-6, 364 S.

Ehemalige Synagoge,
Otto-Müller-Straße 3

Bernd Lange,
Landrat des Landkreises Görlitz

Der Jurist Paul Mühsam, 1876 in Brandenburg geboren, lebte seit 1905 in Görlitz. Neben seiner Tätigkeit als Anwalt schrieb er Verse und Prosa. Am 6. September 1933 floh er als einer der ersten Görlitzer Jude nnach Palästina. 1960 starb er in Jerusalem.

Der Mühsam-Biograph Gernot Wolfram zählt dessen Lebensrückschau „Ich bin ein Mensch gewesen“ zu den großen Erinnerungsbüchern des 20. Jahrhunderts. Die Erfahrungen des ersten Weltkriegs, der Einsatz für den Pazifismus und das Ringen mit letzten philosophischen Fragen kommen darin ebenso vor wie eine Liebeserklärung an Görlitz.

Paul Mühsam: Ich bin ein Mensch gewesen. Lebenserinnerungen. Hrsg. von Ernst Kretschmar. Union-Verlag, Berlin 1989, ISBN 3-372-00100-1, 336 Seiten.

Moller-Haus,
Bei der Peterskirche 9

Evelyn Mühle,
Leiterin der städtischen Friedhofsverwaltung

Der 1934 in Zollikon geborene Adolf Muschg gilt als einer der wichtigsten Schweizer Autoren der Gegenwart. Er erhielt für sein Werk unter anderem den Büchner-Preis und war 2003-2006 Präsident der Berliner Akademie der Künste.

Der Schweizer Historiker Klaus Marbach ist der politischen Verstrickung der deutsch-schweizerischen Grenzstadt Nieburg und ihrer vermögenden Familien in der NS-Zeit auf der Spur. Jedenfalls denkt er das anfangs. Die Suche führt ihn aber immer tiefer in die Rätsel seiner eigenen Herkunft und bringt ihn schließlich auch nach Görlitz.

Adolf Muschg: Kinderhochzeit. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main2008, ISBN: 978-3-518-42032-4, 580 Seiten, 24,80 €

Maxroi-Druckerei,
Demianiplatz 27/28

Sebastian Beutler,
Chefredakteur Görlitz-Redaktion Sächsische Zeitung

Der Altphilologe Marek Krajewski (* 1966) nimmt das Breslau der zwanziger und dreißiger Jahre zum Ausgangspunkt seiner düsteren, morbiden und gewalttätigen Krimis um den Polizisten Eberhard Mock. Es gibt in Breslau/Wrocław schon seit Jahren eigene Führungen auf den Spuren des fiktiven Kriminalisten. Bisher sind auf deutsch außerdem erschienen: „Tod in Breslau“, „Der Kalenderblattmörder“, Festung Breslau und „Pest in Breslau“.

Marek Krajewski: Gespenster in Breslau. Ein Kriminalroman mit Eberhard Mock. Aus dem Polnischen von Paulina Schulz. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007, ISBN: 978-3-423-23608-8, 14,50 €.

Jakob-Böhme-Haus,
ul. Daszyńskiego 12

Margrit Kempgen,
Oberkonsistorialrätin in der Stiftung evangelisches Schlesien

Schon als die westdeutschen Spitzenärzte Schwartz & Weiss ihre Praxis in der Goethestraße in G. eröffneten, war Angela, arbeitslose Physikerin und gelegentliche Hausmeisterin, skeptisch. Aber was in den darauffolgenden Monaten unheimliches geschieht, hat sie nicht geahnt. Als auch noch ein nackter Engel aus der Linde vor ihrem Fenster gesprungen kommt, macht sie sich auf, die rätselhaften Heilkräfte des Dr. Weiss zu ergründen.

Georg Klein, 1953 in Augsburg geboren, lebt in Ostfriesland. Seine Erzählungen und Romane sind virtuos gefügte Gedankenspiele. 2000 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Georg Klein: Sünde, Güte, Blitz. Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2008, ISBN 978-3-499-24759-0. 191 Seiten, 8,95 €.

Jesus-Bäckerei
Nikolaigraben 2/3

Marianne Scholz-Paul
schlesisches Original

Viele denken beim Stichwort Schlesien nicht zuletzt an leibliche Genüsse: Strießelkucha, Mohkließla, schlesisches Himmelreich, köstliche Würste, würzige Suppen… Um die schlesische „Guttschmecke“ geht es bei den überwiegend mundartlichen und heiteren Texten, die das bekennende „Tippelweib“ Marianne Scholz-Paul zum Besten gibt. Welche Umgebung wäre besser dafür geeignet als  die traditionsreiche Jesus-Bäckerei in der Nähe des Heiligen Grabes.

Lausitz-Museum,
ul. Daszyńskiego 15

Heinz Drewniok,
Redakteur MDR, Dramaturg

Der 1951 in Zgorzelec geborene Zdzisław Smektała ist  Journalist, Schriftsteller, Showman, Schauspieler. Seit den siebziger Jahren lebt er in Breslau/Wrocław. In seinem deftigen Roman „Das wilde Leben des Musikanten“  geht es um Karriere und Absturz des des begabten Gitarristen Janis Angelopoulos, Sohn griechischer politischer Emigranten, die in Zgorzelec ein zweites Zuhause gefunden haben.

Zdzisław Smektała: Chciwy żywot grajka. Czytelnik, Warszawa 1986, ISBN: 83-07-01231-7, 244 S., nur antiquarisch oder in der Stadtbibliothek Zgorzelec.

Ludwig Manfred Lommel (1891-1962) ist als genialer Komiker unvergessen. Viele seiner Sketche sind virtuose Sprach- und Sprechkunstwerke. Lommels Erfolg ist untrennbar mit dem Sender Breslau verbunden – seine Stücke geben sich allerdings oft als Eigenproduktionen des fiktiven „Senders Runxendorf“ aus.

Mehrere CDs mit Aufnahmen Lommels sind im Handel erhältlich.

Galerie Klinger
Brüderstraße 9

Ilja Seifert
MdB, Die Linke

Der Görlitzer Maler und Schriftsteller Johannes Wüsten (1896-1943) leistete als Kommunist Widerstand gegen den Nationalsozialismus, floh in die Tschechoslowakei und weiter nach Frankreich, wurde wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt und starb an Tuberkulose im Zuchthaus Brandenburg.

Wüstens „Rübezahl“, im tschechoslowakischen Exil entstanden, stellt einen Kupferstecher im Jahrzehnt der französischen Revolution mitten in die sozialen Konflikte des schlesischen Gebirges, zwischen Weberelend, Adelsdünkel und bürgerliche Profitgier. Die Sagen vom rächenden Berggeist werden zur Parole des Widerstands für die Ausgebeuteten, der Zeichenstift zur Waffe.

Johannes Wüsten: Rübezahl oder der Fluss fließt nicht bergauf. Historischer Roman. Erstausgabe aus dem Nachlass: Rudolstadt 1963. Bester Text: Hrsg. von H. D. Tschörtner mit einem Nachwort von Horst Wandrey. Verlag Volk und Welt, Berlin 1982. Diese und andere Ausgaben des Buchs sind nur antiquarisch erhältlich.

Schlesisches Museum, Hintereingang Fischmarkt 5, Raum „Moderne Kunst“

Dr. Markus Bauer, Direktor des Schlesischen Museums zu Görlitz,
Magdalena Maruck, Germanistin

Die Staatliche Akademie für  Kunst und Kunstgewerbe in Breslau war unter den Direktoren Hans Poelzig, August Endell und Oskar Moll neben dem Bauhaus die bedeutendste moderne Kunsthochschule Deutschlands. 1932 wurde sie geschlossen. Lehrer und Schüler der Akademie stießen mit ihrem überwiegend progressiven Schaffen auf viel Mißtrauen und Unverständnis selbst in der Großstadt Breslau. Zu hören sind Ausschnitte aus Briefen, Erinnerungen und Zeitungsbeiträgen, u.a. von Theodor von Gosen, Hans Poelzig und Ilse Molzahn.

Hintergrundlektüre: Werkstätten der Moderne. Lehrer und Schüler der Breslauer Akademie 1903–1932. Katalog zur Ausstellung. Hrsg. vom Schlesisches Museum zu Görlitz. Stekovics Verlag, Halle an der Saale 2004, ISBN: 3-89923-061-2, 192 S., 14.80 €

Galerie Artemision
Handwerk 13

Hanna Majewska
ehemalige Lehrerin, Brückenbauerin zwischen Zgorzelec und Görlitz

Olga Tokarczuk, geb. 1962 in Sulechów (Züllichau), gilt als eine der bedeutendsten polnischen Autorinnen der Gegenwart. In ihren Texten spielt sie mit verschiedenen Realitätsebenen und überraschenden Wendungen.

Generationen haben an der „mechanischen Geburt“, einer Krippe im Wallfahrtsort Bardo (Wartha) bei Kłodzko (Glatz) mitgebaut. Nach und nach wurde die ganze Welt mit in das Geschehen von Bethlehem einbezogen. Frau Kowalska versucht, das Kunstwerk nach dem Krieg weiter zu betreiben. Die Krippe wird schließlich zugrunde gehen, doch auf die Erzählerin übt ihr rätselhafter Mechanismus und ihr ins Kosmische ausufernder Grundgedanke eine unwiderstehliche Faszination aus.

Olga Tokarczuk: Bardo. Die Weihnachtskrippe, aus dem Band: Spiel auf vielen Trommeln. Erzählungen. Aus dem Polnischen von Esther Kinski. Matthes & Seitz, Berlin 2006, 141 S. ISBN: 3-8221-107-5, 14,80 €, S. 45-71

Modehaus Schwind’s Erben
Steinstraße 9

Kristin Schütz
MdL für FDP

Der Kabarettist Dieter Hildebrandt wurde 1927 im niederschlesischen Bunzlau/Bolesławiec geboren. Er gründete die Münchner „Lach- und Schießgesellschaft“ und später das ARD-Kabarett „Scheibenwischer“. Der Görlitzer Werner Finck (1902-1978), eines von Hildebrandts Vorbildern, war 1927 übrigens erfolgloser Schauspieler am Bunzlauer Stadttheater. In den dreißigern war er berühmt für seine lebensgefährliche politische Frechheit  Vor einer zweiten KZ-Haft rettete er sich in den Militärdienst. Nach dem Krieg kritisierte der „alte Narr“ mit hintersinnigen Pointen die junge Bundesrepublik. Die beiden Kabarettisten erinnern sich an Görlitz, an Bunzlau, an die Nachkriegszeit. Das Erlebte wird zum Stoff für kluges Witzeln, das nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Nachdenken reizt.

Wener Finck: Alter Narr, was nun? Die Geschichte meiner Zeit. Herbig Verlag, München/Berlin 1972 und viele Neuauflagen / liczne wznowienia.

Offkino Klappe die zweite
Nonnenstraße 18/19

René Harder
Regisseur und Autor

Andrzej Sapkowski, 1948 in Łódź geboren, ist der erfolgreichste polnische Fantasy-Autor. Unter seinen zahlreichen Büchern ist der Zyklus um den Hexer Geralt bekannt geworden. Bestseller in Polen und Deutschland war seine Narrenturm-Trilogie um den Magier und Medicus Reinmar von Bielau, genannt Reynevan. Sie spielt im Schlesien und Böhmen des 15. Jahrhunderts zur Zeit der Hussitenkriege und mischt akribisch recherchierte Geschichte mit ironischen Anleihen aus Schelmen-, Mantel- und Degen-, Fantasy- und Horrorliteratur.

Andrzej Sapkowski: Narrenturm. Aus dem Polnischen von Barbara Samborska. dtv premium, München 2005 und zahlreiche Neuauflagen, ISBN: 3-423-24489-5, 740 S., 16 €

Impressum: Hrsg. M. Eiden, Kulturreferent für Schlesien beim Schlesischen Museum zu Görlitz; Übersetzung: K. Zinnow

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